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Morphodynamik

Der Begriff Morphodynamik will auf die schöpferische Energie der Natur hinweisen, mit der sie ihre funktional perfekten und ästhetisch unübertrefflichen Formen und Gebilde mittels relativ einfacher Substanzen und Mechanismen hervorbringt. Ihr Einfallsreichtum und ihre Gestaltungskraft künden von einer unbegreiflichen autodynamischen Kreativität, die jeden aufgeschlossenen Menschen  immer wieder in ehrfürchtiges Staunen versetzen muß. Für den organischen Bereich kann auf die Darstellung von Ernst Haeckel “Kunstformen der Natur”, Prestel 1998, hingewiesen werden.
Der Wort- und Bedeutungszusammenhang  mit den in der modernen Physik und Entwicklungsbiologie so genannten "morphogenetischen Feldern" (vgl. Rupert Sheldrake , Das Gedächtnis der Natur, Scherz-Verlag) ist nicht zu übersehen. Man
vermutet ja, daß diese immer noch rätselhaften Felder das Wachstum, die Entfaltung und die ausdifferenzierende Gestaltwerdung sowohl der Organismen in Flora und Fauna als auch vieler anorganischer Formen steuernd und prägend (mit)bestimmen. Vielleicht ist ihrem geheimen Weben und Wirken deshalb so schwer beizukommen, weil sie ihrer Funktion entsprechend  essentiell der Zeit mit ihrem vierdimensionalen Charakter angehören. Vielleicht weisen sie -was auch in einer statischen Zeit denkbar wäre- analog den elektromagnetischen Feldern Lichtgeschwindigkeit auf, bei deren Erreichen die Zeit, das heißt jegliche Veränderung (nach der auf der Relativitätstheorie basierenden "Lorentz-Transformation") bekanntlich zum Stillstand kommen soll. Dies hätte zur Folge, daß morphogenetische Felder, ähnlich wie alle wesentlichen Vorgänge im Leben der Organismen, nämlich ihre (nur scheinbar flüchtigen) Wahrnehmungen, Empfindungen und Gedanken, die ja wohl auch elektromagnetische Phänomene  sind, keine Veränderung mehr erfahren und so als "Gedächtnis der Natur" die von Sheldrake beschriebenen Wirkungen entfalten könnten. Die zum Bild erstarrte Bewegtheit, die flächig geronnene Dynamik der Formen möchte ein Gleichnis der statischen Natur, also der Beständigkeit aller zeitlichen Abläufe, auch der unseres Lebens mit seinen Energiefeldern und Kraftlinien sein. Solche Vorstellungen haben für mich übrigens durchaus eschatologische Bedeutung und ich will hoffen, daß die Tiefe dieser Überzeugung  ihre Auswirkungen auch auf die Qualität meiner Bilder hat.

Das Phänomen, daß die Natur autogenetisch nicht nur äußerst zweckmäßige sondern -aus menschlicher Sicht- auch ästhetisch ansprechende, ja faszinierende Gebilde hervorbringt, wird in jeder Phase der Evolution deutlich. Es ist aber auch im anorganischen Bereich evident. Man denke an die geheimnisvolle Welt der Kristalle, an Achate und Dendriten, an die bizarre Pracht der Tropfsteinhöhlen oder auch "nur" an die vom Wind hervorgerufenen Wellenmuster auf Wasserflächen, im Sand oder bei Wolken. Seine Macht erweist sich sogar noch bei fortschreitender Entropie (einer Erscheinung, die deshalb kein Vorwand für polemische Destruktion und chaotische Malerei sein kann). Wir verdanken der Morphogenese viele eindrucksvolle und ausdrucksstarke Landschaftsformationen ebenso wie den herbstlichen Farbenzauber.

Der Ursprung dieser Kreativität läßt sich vorerst nur erahnen. Vielleicht wird er eines Tages in der besonderen Struktur unseres Denk-, Empfindungs- und Wahrnehmungsvermögens, letztlich also im  beobachtenden Subjekt und somit, den Ansätzen der Quantenphysik folgend, im subatomaren Bereich aufgespürt. Der Zufall allein entbehrt jedenfalls meiner Überzeugung nach sowohl der Kraft als auch der Ausdauer für das Zustandebringen und für das unermüdliche, konsequente, gesetzmäßig anmutende Erneuern dieser grandiosen Vielfalt an erhabenen, bezwingend schönen Formen und Gebilden der Natur. Das Aleatorische und das Prinzip von Mutation und Selektion spielen dabei sicherlich einen wichtigen Part. Sie können jedoch, ebenso wie die statistische Natur der Quantenvorgänge, nur Instrumente der teleologischen Steuerung durch einen transzendenten oder einen den Energiefeldern oder der Materie innewohnenden Willen sein. In der heutigen Naturwissenschaft (vgl. Sheldrake a.a.O.) scheint die Auffassung mehr und mehr an Boden zu gewinnen, daß alles Schöpferische Ausdruck der organisierenden Aktivität morphogenetischer Felder ist. Auch menschliche Kreativität sei zu einem großen Teil von dieser Art. Der eigentliche schöpferische Prozeß laufe in einer tieferen Schicht als der Bewußtseinsebene ab. In sie hätten wir bisher keinen Einblick. Der spontanen Inspiration und Intuition solle deshalb neben dem oft überbewerteten Willen ein gebührender Spielraum belassen oder geschaffen werden. Für Ernst Haeckel (a.a.O.) ist die “Phylogenese” der Formen zugleich die Stammesentwicklung des Geistes. Die Schönheit des Kleinen (er stellt dies eindrucksvoll dar am Beispiel der morphologischen Stufenleiter der Tiefseegebilde, besonders der Einzeller und Medusen) demonstriere uns die Naturhaftigkeit des ästhetischen Empfindens des Menschen. Die Gestalt des “Zeichnenden”, seine Sinnesorgane und seine Motorik seien das Resultat einer Entwicklung, mit der sich letztlich Natur nur selbst abbilde, manifestiere und bildnerisch weiterentwickle. Die morphodynamische Malerei scheint mir diese Erkenntnis noch überzeugender zu bestätigen, als der zu Lebzeiten Haeckels aufkommende Jugendstil, der noch aus der bereits geschaffenen, sichtbaren Natur geschöpft und deshalb der Natur des Malmaterials, aber auch dem (scheinbaren) Zufall keine eigenen Spielräume verschafft hat.